The Hans Christian Andersen Center

Oldenburg den 15 Juni 1843

Endlich ein Brief von Ihnen, lieber Andersen! Sie glauben nicht wie sehnlich er von mir und meinem Mann erwartet war, und denken Sie nur, erst vorgestern bekamen wir ihn. Der Brief hatte nehmlich bedeutende Umwege gemacht, er war erst nach dem Oldenburg in Holstein gegangen; und dann auf verschiedenen Umwegen hieher. Wenn Sie mir knftig schreiben mssen Sie auf der Adresse bemerken: Oldenburg im Groherzogthum. Sie haben aber ganz recht, ich war ganz ungeduldig nach einen Brief, die ersten 8 Tage natrlich nicht, aber dann erwartete ich tglich Nachricht. Doch nun bin ich ganz entschdigt fr meine Sehnsucht, Ihr ganzer Brief ist so Sie selbst, das es mir scheint als htte ich Sie wieder bei uns, und hrte Sie sprechen; eine Kladde drfen Sie nie wieder machen, ich kann Ihnen nur wiederholen was ich schon frher sagte: je mehr Fehler je beer.

Da Ihnen, lieber Freund die Tage bei uns, eine liebe Erinnerung sind, hat meinen Mann sowohl wie mich sehr, sehr gefreut; uns ist Ihr Besuch unvergelich! An meinen Mann haben Sie einen wahren aufrichtigen Freund gewonnen, und von mir kann ich Ihnen nur sagen, da Sie in jedem Wort in jeder Regung so sind, wie ich es lange gedacht hatte. Meine Verehrung und Liebe fr Sie war sicher phantastisch, da sie nicht die feste Grundlage des persnlichen Kennen's hatte, aber jetzt ist das anders, jetzt wei ich das es Wahrheit ist was ich so lange getrumt und geahnt. Und herrlich ist's da auch mein Mann sie so lieb gewonnen, 0 fr nichts mgte ich Ihren Besuch entbehrt haben. Wir sprechen tglich von Ihnen und erinnern uns jedes Augenblicks Ihres Hierseins, mit besonderen Interesse. Einen besonderen Lichtpunkt bilden dann immer die Mrchen Erzhlungen, wie denn berhaupt die Morgenstunden, wo wir so manchen Blick in Ihr reiches buntbewegtes Seelenleben thaten, mir die liebsten waren. Ihr Besuch war nur zu kurz, ich finde immer man mu die Gegenwart festhalten, wenn Sie wiederkommen, lassen wir sie nicht so schnell fort. Wenn eine schne Gegenwart ohne uere Nothwendigkeit schnell geendet wird, so fllt mir immer Wallensteins Spruch (von Schiller) ein:

Wer aber wei was uns die nchste Stunde

Schwarz verschleiert bringt!

Doch das sind eigentlich trbe Gedanken, die man Jemanden gegenber wie Sie, nicht machen sollte. Vor Ihnen liegt eine gewi eine reiche herrliche Zukunft, und giebt sie Ihnen das uere Leben nicht in dem Maa wie ich hoffe und denke, so haben Sie sie doch sicherlich im Inneren. Sie sind wunderbar vom Schpfer bevorzugt, so tausend Kmpfe und Leidenschaften die wohl manchen Karakter in seinen Grundfesten erschttern sind Ihnen zwar nicht fremd, das wei ich aus dem Geiger, berhaupt aus allen Ihren Bchern; aber es kommt mir vor als wenn Sie zwei Seelen htten, die eine das ist so recht der innere Kern Ihres Daseins, aber die ist ganz fest eingeschloen, da dringt kein fremdes hliches Element hinein, aus diesem reichen inneren Born geben Sie der Welt, und vor allen, Ihren Freunden mit offenen Hnden, die zweite Seele nur mit der empfangen Sie, und lutern dann, und nur das Edele, Gute dringt in das innere Heiligthum ein. Eigentlich kann ich mir garnicht denken da Sie sich jemals recht unglcklich gefhlt haben, von Ihrer Kindheit und auch der ersten Zeit in Coppenhagen ist hier nicht die Rede, denn das war doch gewiermaen nur ein Kinderschmerz, aber als Sie zum Bewutsein Ihres Geistes kamen, da kann ich mir Sie nie melankolisch denken, und deshalb ist mir auch jene kurze Stelle aus Mrchen im Bazar, so wunderbar schwer auf's Herz gefallen. Sie wien wir haben hier wohl mal halb im Scherz darber gesprochen.

Wenn ich jetzt an Ihr Hiersein denke, so ist es mir als htte ich Ihnen noch tausend Dinge zu sagen, Sie um so manches zu fragen, berhaupt denke ich zuweilen, wie wenig ich doch es vermag so recht mein Inneres zu zeigen, ich komme mir dann so entsetzlich vernnftig vor, und mir ist nichts langweiliger wie Vernunft, sie ist doch ein Ergebni fortwhrenden Ueberlegens, und bei zu vielem Ueberlegen scheint es mir immer geht ein Theil der wirklichen inneren Eigenthmlichkeit verloren, und das ist doch eigentlich das Interessanteste in jedem Menschen. Das ist auch etwas Eignes bei Ihnen da Sie so ganz ursprnglich sind, wie selten findet man das, und ist's ein Schriftsteller auch wohl noch in seinen Schriften, so ist es fast nie in seinem ueren Sein.

Aber ich schreibe da so viel von Ihnen; was jeden andern wie Sie eitel machen knnte, aber Ihnen darf ich das Alles sagen, mir ist es ein Bedrfni, und Ihnen wird es Freude machen, da wahre Anerkennung immer wohlthuend ist. Nur fllt mir eben ein, was wrde wohl Ihre Freundinn die Frau Drewsen sagen wenn sie diesen Brief lse, wrde sie nicht sagen, ich verdrbe Sie ganz, und Sie sollten das garnicht Alles glauben? Aber dann sagen Sie nur da ich Sie ganz genau kennte, und grade deshalb wte, da ich Ihnen das Alles schreiben drfte.

Fr die Beschreibung Ihrer Reise vielen Dank, mir war's als wenn ich ein Kapittel aus dem Bazar lse. Da Sie nun hier in so gefhrlicher Gesellschaft (das heit mit einer hbschen Schauspielerinn) fortfuhren, erzhlte mir ein Herr welcher Sie noch auf der Post sah, doch beruhigte mich da der alte ehrwrdige Herr Sie trennte. Da der Ihnen Gedichte vorgelesen finde ich ganz kstlich, das geistreichste dabei scheint mir die Wortvertheilung auf Sie und die Schauspielerinn. Da Sie meine Mama gesehn haben in Bremen, freute mich ganz besonders, auch ich mgte gerne da Sie sie nher kennen lernten, sie ist ein seltner Karakter, der Sie vollkommen versteht, und den auch Sie gewi lieb gewinnen wrden. Ueber Ihren Besuch hat sie sich sehr gefreut, ihr ist es gegangen wie mir, sie findet Sie auch ganz so wie sie gedacht hat. -

In Harburg waren Sie also wirklich ganz und gar bse? in solcher Situation kann ich mir Sie wirklich garnicht denken, oder doch nur hchstens wenn Ihr Koffer mit dem Album nicht bei Ihnen ist, in solchen traurigen Fall halte ich freilig vieles fr mglich. Mit dem Album mu ich noch zuweilen etwas necken, das mssen Sie mir schon erlauben. Wenn Sie das der Frau Drewsen erzhlen, wird sie gewi denken da ich Sie doch so gar sehr nicht verderbe. Wie sehr Ihre Zeit in Hamburg in Anspruch genommen kann ich mir denken, denn hier wurde es Ihnen schon schwer einen Brief zu Stande zu bringen. Aber warum sind Sie denn nur so kurz in Breitenburg ? ich dachte da wrden nun wieder einige neue Mrchen erschaffen werden. Haben Sie denn das eine vom Schwan schon aufgeschrieben?

Die Mrchen sind hier bei allen Leuten in guten Andenken, doch das sind Sie ja auch selbst, es ist merkwrdig wie Jeder der Sie hier gesehn sich so lebendig fr Sie interessirt, Ihre Gre werden von allen Seiten auf das herzlichste erwiedert. Wedderkopp wird nchstens selbst fr Ihr Briefehen danken. Ganz besonders gren lt Sie auch ein Herr von Beaulieu, er war fter nach Tisch hier, an dem haben Sie auch einen wahren Verehrer bekommen. Jerndorf, Mayer, Kobbe, Stahr, Alle. erkundigen sich nach Ihnen, und tragen mir Gre auf. Soll ich Jerndorf nicht mal an die Ihnen versprochene Zeichnung mahnen? Einiges Unheil haben Sie hier aber auch gestiftet, denn denken Sie nur, die arme Dame welche am letzten Abend Ihres Hierseins, bei uns war hat eine vllig schlaflose Nacht, nach Ihrer Bekanntschaft gehabt, sie schwrmt in einem solchen Grade fr Sie, da ich es nicht fr unmglich halte, dadie jungen Mdchen welche bei ihr in Pension sind auch Alle Ihr Portrait zeichnen mssen, wie bei der Dame in Helsingr. Mein kleiner Herr lt schnstens wieder gren, er spricht noch manchmal von Ihnen. Nun mu es aber zum Schlu, denn es schlgt Mitternacht! Mein Brief ist auch etwas flchtiger geschrieben wie sonst, aber da ich jetzt wei, da Sie so schn Deutsch verstehn, so schreibe ich schneller, das ist mir angenehmer, knnen Sie es nicht lesen mssen Sie es sagen dann schreibe ich knftig deutlicher. Beifolgend schicke ich Ihnen zwei kleine Aufstze welche in hiesigen Blttern erschienen, der eine von Kobbe [se: Brev], der andre von meinem Mann [se: Brev], ich dachte es wrde Sie interessiren. [se

Nun schreiben Sie auch recht bald wieder, und nur jeden Gedanken der Ihnen kommt, das ist mir das liebste.

Mein Mann drckt Ihnen die Hand, Ihr gigantischer Ahasver geht ihm viel im Kopf herum.

Leben Sie wohl, lieber Andersen, und vergeen Sie nicht wie wir mit ganzen Herzen Ihnen zugethan sind.

Ihre aufrichtige Freundinn

Lina von Eisendecher.

Ich bentze diesen kleinen freien Raum um Sie, lieber Andersen auf das Herzlichste zu gren. Aber meine Frau heit Lina und nicht Elise wie auf Ihrem letzten Brief zu lesen stand.

W. von Eisendecher

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