The Hans Christian Andersen Center

Dato: 16. oktober 1859
Fra: H.C. Andersen   Til: Carl Alexander
Sprog: tysk.

153 Andersen an Carl Alexander

Kopenhagen 16 October 1859.

Mein edler hoher Groherzog!

Sie waren so oft und innig in meinen Gedanken, whrend ich in diesen Sommer die einsamsten und eigenthmlichsten Gegende meines Vaterlandes besuchte. Auf dem alten Rittergute Nrre-Wosborg bei die Dnen der Nordsee und unter dem Eindruck der Fata Morgana-Erscheinungen der wsten Gegend empfing ich den letzten Brief von Ew: Kniglichen Hoheit. Da Sie, theurer, lieber Herr, unter den harten Prfungen und mitten in Trauer ber Mutter und Kind, sich meiner erinnert haben, hat mich tief gerhrt; mchte die schmerzliche Verlust Ihnen schon jetzt in einer milderen Licht erscheinen!

Fr meine dichterische Wirksamkeit bringe ich von dieser Reise eine reiche Ernte mit; ja, mit freudige Ueberraschung sah ich mich, berall wo ich hinkam, mit liebender Aufmerksamkeit behandelt; wie ein sehnlich erwarteter Freund wurde ich mit Festen und Herzlichkeit empfangen, so da ich mich demuthig und ganz klein fhlte.

Die Natur in Jtland hat mich in hohem Grade berrascht; / die Strme der Nordsee peitschen die mchtigen Sanddnen, von dem wirblenden Sand wurde das Gesicht wund geschlagen, das Meer baumte sich und wlzte wie ein schaumender Wasserfall gegend die Kste und lockerte den lehmigen Abhang; doch, das Eigenthmlichste von dem Allen war "Skagen", diese Wste mit einem Stdtchen ohne Straen, den(n) die Haser liegen, meilenweit, wie die wirblenden Sandhgel es gestatten; Wrackstcke mit Seilen verbunden, zeigen, wo die Strae sein soll. Das Stdtchen streckt sich einen halbe Meile das Kattegat entlang und davon hat man wieder einen eben so weiten Weg ber Dnen nach dem alten Skagen, wo die Thre und Pforten mit Schiffsgallionen geschmckt sind; es ist als ob "Neptunus", "die Hoffnung" und andre solche hohe Gtter hier wohnten, denn ihre Bilder von den gestrandeten Schiffen sieht man ber jeden Eingang. Das merkwrdigste ist doch die groe gothische im Sande begrabne Kirche; erst hat sich der Sand ber den Kirchhoff gelegt, dann an die Mauer, doch hielt man Gottesdienst bis an einem Sonntag eine Sanddne sich vor die Thre aufhufte; da sagte der Prediger zu der Gemeinde: "Gott hat nun dieses sein Haus verschlossen, wir mssen ihm ein neues anderswo bauen!" - und ein solches steht nun in den neuern Theile der Stadt. Gleich wie im Mhrchen von der schlafenden Walde das Schlo von einem (un)durchdringlichen Gestrach umgeben ist, so ist auch hier die Kirche von Dnenhalm, Dornen und wilden Rosen berwachsen, und sie strecken sich wie eine Befriedigung ber die mchtigen Dnen. Wie ein begrabenes Pompeji liegt sie hier mit ihren Grabmonumenten und Bildern, bis dereinst ein westlicher Sturm / die Dnen in Bewegung setzt; und es wird geschehen, denn die Dnen bewegen sich immer nach Osten hin, aber neue erheben sich wieder. Es ist als ob man hier in das Reich der Vgel kme, besonders auerhalb der Stadt. Das Lnge einer Viertelmeile geht von dem Leuchtfeuer hinaus ins Meer eine mit Rollsteinen bersete Landzunge und endet in einer Spitze, nicht breiter als da ein Mensch darauf stehen kann um den linken Stiefel von der Nordsee, den rechten vom Kattegat bersplen zu lassen; es ist ganz deutlich wie die beiden Meere sich hier begegnen; die Nordsee behlt dog (soll heien: doch) immer die Uebermacht.

Die Reise ist anstrengend aber sehr interessant; von "Frederikshavn" nach Skagen fmf Meil, fhrt man bei niedrigen Wasserstand halb auf dem Meerboden halb auf dem Lande; die Wellen berspritzen selbst bei ruhigen Wetter oft den Wagen, es fordert viel Aufmersamkeit den Qvicksand zu entgehen, wo mann mit Pferd und Wagen hinuntersinken kann. In den Dnen findet man haufig Torf, was darauf deutet, da in frheren Zeiten Wlder hier waren.

Ich habe schon ein Beschreibung dieser interessanten Ausfahrt fertig; es rhrt mich noch immer daran zu denken, wie liebevoll ich von meinen Landsleuten empfangen worden. In "Hjrring", der grten nrdlichen Stadt, brachte man (eingefgt: man) mir Serenaden, in Aalborg ebenso, wo der Singerverein der Handwerker den Abschiedsgru mir brachte; Blumen und Hochs begleitete mir, als wre ich ein Frst; ich war demthig dabei und doch unendlich froh. Ich sehe wie meine Schriften bei dem Volk Eingang gefunden haben. Ihnen, mein edler Frst, der Sie so / viel Herz und so viele Theilnahme fr mich haben, kann ich es Alles erzhlen, wie ich es erzhle, Sie, lieber hoher Herr, misverstehen mich nicht.

Ich sehne mich nach Ihnen und nach Weimar, Gott freue und erhalt(e) Euch, Konichlicher Hoheit! Ihr innig treu ergebener H.C. Andersen

Tekst fra: Ivy York Mller-Christensen