The Hans Christian Andersen Center

Dato: 5. november 1844
Fra: Carl Alexander   Til: H.C. Andersen
Sprog: tysk.

4 Carl Alexander an Andersen

Weimar den 5 November 1844.

So eben, mein theurer Freund, habe ich Ihren lieben Brief vom 26 October gelesen, dessen Empfang mich so herzlich erfreut und dessen Durchlesung mir nun doppelte Freude gemacht hat, denn nun wei ich erst was ich besitze. Um so aufrichtiger nun ist aber auch der Dank welchen ich Ihnen darbringe; Sie mten in meine Seele hineinfahren, wie etwa eine abgestorbene Seele in Indien, um all' die Freude zu empfinden welche Ihr lieber Brief mir verursacht. Selten noch habe ich Schriften von irgend Jemanden gesehen, welche ihrem Autor so ganz getreu sind wie Ihre Briefe Ihrem Charakter, Ihren Eigenthmlichkeiten, Ihnen selbst mit einem Wort. Drum habe habe ich auch Ihre Briefe und Schriften so gern, denn treu, wie der reinste Spiegel, stellt mir das Werk das Bild des theuern Meisters vor die Seele. Heut Abend, zum Beispiel, glaub ich Sie vor mir zu sehen, Sie sind bei mir und erzhlen mir von den grnen Inseln im Meer, wo Sie diesen Sommer weilten und von den schnen Mdgen auf "Halligen" und von der Jagdfahrt nach "Amrum" und den Krten die im seichten Sande saen und knurrten. Es klingt mir Alles wie Mhrchen, denn wie der Maler, der einmal die Werke [aus: das Werk] Raphaels erblickt habend, stets, sich unbewut sogar, in sei/nen Werken Reminiscenzen des geliebten Meisters reproducirt, so ziehen Sie, der Sie den Zauber der Mhrchenwelt nun einmal gekostet haben mgen, einen mhrchenhaften Schleier, unbewut, ber alle Ihre Beschreibungen. Da Ihnen der Uebersetzer denselben (aus: des) vom "Horatio" hinweggestolen hat beklage ich sehr, besonders fr das fremde Publicum was Sie in allen Ihren Eigenthmlickeiten nicht so kennen kann wie Ihre Freunde, denn die wien aus der Erinnerung an Sie das zu ersetzen was durch die Uebersetzung verloren gegangen ist, wie die Erinnerung bei dem schlechten [eingefgt: schlechten] Portrait einer theuern Person das Mangelhafte etwa zu ergnzen vermag. - Was Sie meinem Kinde wnschen, wnsche ich ihm mit Ihnen, denn treue Freunde zu besitzen ist wohl eine der grten Glckseligkeiten auf Erden und deshalb wohl ein Vorgeschmack des Himmels denn treue Liebe mag da wohl recht zu Hause sein.

Schlo Wartburg den 13 Nov.

Mein Brief ist nun so alt geworden, da ich unschlig war ob ich ihn nicht lieber zerreien und einen ganz neuen anfangen sollte, aber dann habe ich es mir wieder berlegt, da da ich jeden Tag an Sie denke, es Sie unmglich beleidigen kann den Bewei in Hnden zu haben, da ich dieses auch den 5 und den 13 desselben Monats gethan habe. Ueberdies finde (ber gestr.: lege) ich einen besonderen Werth, eine besondere Freude darinnen von hier aus an Sie zu schreiben, an Sie, der Alles so warm, so tief empfindet. Wenn es wahr ist da die Umgebungen in denen / wir denken und fhlen einen mchtigen Einflu ausben auf Gedanken und Gefhle, so kenne ich keinen passenderen (eingefgt: passenderen) Ort weit und breit um daselbst an Sie zu denken und zu schreiben als eben diesen. O kennten Sie ihn, Sie mten mir Recht geben, Sie mten zuerst bekennen, da Sie mit ihrem Geiste, mit ihren Elfen und Feen [ber gestr.: Mhrchen] hierher am Meisten gehren. Hoch in den Lften sitze ich, ber mir sehe ich nur des Himmels Blau; tief, tief unter meinen Fen liegen die herrlichen Berge des Thringer Landes, sdlich sehen sie aus als (aus: wie) wenn die (aus: ein) Wellen, die riesigen, eines grnen Meeres versteinert worden wren durch das Wort einer Ihrer Feen, denn in ungeheuern, gigantischen Biegungen wechseln die Waldeshhen ab mit den dunkelsten, tiefsten Waldschlnden; nher nach mir, wo ich jetzt sitze, nach Westen zu, erweitern sich die tiefen Thler und gewhren einen heitern Blick in der Menschen leben und Thtigkeit; eine schne Landstrae, aus Basalt erbaut, windet sich hernieder von einer der Hhen, weiter hin schimmern Drfer zwischen schnen Wiesen. Darber hinaus, nach Norden, erheben sich schroffe Felsen und ber ihnen steigt das Gebirg. Westlich umschliet (aus: umschlieen) das nackte Gestein ein herrliches Thal was zwischen den unabsehbaren Wldern sich verliert und vor mir, am Ende des Thals liegt eine alterthmliche Stadt mit spitzen Thrmen und wunderlichen Dchern; sie scheint gefangen hinter unzhligen Grten die im Sommer ein buntes, duftendes Netz um die Gefangene ziehen. Die Stadt ist Eisenach und das Schlo aus dem ich mit Ihnen rede ist die Wartburg, jenes berhmte Schlo von (aus: aus) dem herab im Mittelalter / die Dichtkunst zuerst herabstieg in die deutschen Gauen. Nu(r) wenige Schritte von meiner Wohnung liegt ein gewaltiges Gebude; drei Reihen unendlicher Accorde auf schlanken Sulen ruhend zieren die Auenseite nach dem Hofe. Die obere Reihe gehrt dem Saale wo die deutschen Minnesnger zuerst dichteten und sangen, die zweite Reihe den Slen wo die alten thringer landgrafen Hof hielten und wo ihre Rstungen jetzt prangen, und (aus: der) der Capelle in der Luther predigte, die dritte Reihe den Gemchern wo die heilige Elisabeth von Thringen still ihren Segen spendete, ein Segen, der in frommen Stiftungen bis heute in Eisenach fortlebt. Auf dem Gange den ich bewohne, gleich neben meinem Schlafzimmer liegt das Gemach wo Luther die Bibel bersetzte und so giebt es der historischen Erinnerungen [gestr.: ohne] eine Unzahl die an jeden Stein dieses Schloes haften [ber gestr.: zwei unl. Wrter]. Ich wohne nun hier seit einigen Tagen und treibe in den Wldern mein Wesen mit Hirschen und Rehen und erbaue mich an all dem Herrlichen an [aus: von] das die Burg mich mahnt als lse ich in einem Andachtsbuch. Ist nun der Ort der so Begeisterung athmet, der die Wiege deutscher Literatur, sein Kind, dann in Weimar gro werden lie, nicht hauptschlich gemacht da man an Sie denke und an Sie schreibe, verehrter Freund? - Kommen Sie und begeistern Sie Sich mit mir hier, im Sommer, wenn die Burg getragen wird von dem keimenden, sproenden Frhling wie eine seiner tausend Blthen. - Innig gerhrt bin ich, da Sie Ettersburg so freundlich stets gedenken, ja da Sie sogar ein Mhrchen da spielen lassen, das ich Sie bitte mir zu schicken; nur halten Sie die Gesinnung aufrichtigster Verehrung und innigster Freundschaft nicht fr ein Mhrchen, welche stets fr Sie hegt Ihr treuer Freund Carl Alexander

Meine Eltern u meine Frau gren Sie herzlichst. -

Tekst fra: Ivy York Mller-Christensen